






Zurück in die Zukunft
Die Suche nach neuen Perspektiven in Plauen zeigt erstaunliche Ergebnisse, im „Wachstumskern highStick“ dreht sich dabei alles um die technische Stickerei. von Gisela Gozdzik
Annähernd 40 Spitzen- und Stickereiunternehmen mit insgesamt zirka 600 Mitarbeitern sind heute in Plauen und Umgebung ansässig Die traditionellen Absatzmärkte im internationalen Heimtextil- und Modesektor sind durch ausländische Billiganbieter sowie durch Marken- und Produktpiraten stark in Mitleidenschaft gezogen. Doch werden nun alte, längst vergessene Stickverfahren aus der Versenkung geholt und erwachen als moderne Produkte im traditionellen Sektor zu neuem Leben. Neue Technologien erlauben neue Effekte und Anwendungen, oder Stickerei wird völlig neu definiert und für technische Textilien eingesetzt.
Schon vor über 100 Jahren stickte man die filigrane Schneeballspitze, die durch ihren dreidimensionalen Effekt bezauberte und ein Highlight in dieser Blütezeit der Plauener Spitze war, auf der Maschine. Später geriet das sehr komplizierte und aufwändige Verfahren in Vergessenheit. Keiner wusste mehr richtig, wie es funktioniert – bis es von der diplomierten Designerin Kati Reuter wieder aufgespürt und auf einer modernen Schiffchenstickmaschine umgesetzt wurde. Mit diesem Projekt errang die 28-Jährige beim Designwettbewerb „Stickstich 008” den 1. Platz. Das Unternehmen W. Reuter & Sohn Spitzen und Stickereien GmbH, Auerbach (D), setzt den „Schneeball” modern interpretiert in verschiedenen Gardinenausführungen ein. Das neue Design mit 3D-Effekt und wie ein Spinnennetz anmutend konnten die Fachbesucher erstmals auf der Leipziger Comfortex 2009 bestaunen. Weitere Anwendungen, auch in der Bekleidung, wurden zur Heimtextil 2010 in Frankfurt präsentiert (Abb. 2). Das originelle Design, hier bei einer Gardine, zeigt halbtransparente „Scheiben” aus pflegeleichtem Polyestergewebe, die in einem Arbeitsgang mit Stepplinien und dem sogenannten Schneeballmuster bestickt werden. Für die Produktion ist auch heute noch eine aufwändige und sehr exakte Technologie notwendig.
Das Auerbacher Unternehmen W. Reuter & Sohn, im Jahr 1951 vom Großvater der jungen Designerin mit 4 Mitarbeitern und 3 Vomag-Stickmaschinen gegründet, wurde 1990 reprivatisiert und entwickelte sich nach und nach dank Investitionen in moderne Stickmaschinen, einer Punchanlage und neuen Produktionsanlagen zu einem leistungsfähigen Stickereiunternehmen mit heute 25 Mitarbeitern. Im Verbundprojekt highStick erforscht das Unternehmen Möglichkeiten für die Anwendung der Sticktechnik auf technischem Gebiet.
Textile Architektur-Ideen
Eine spezielle Stickstruktur wird durch Veredlung dreidimensional verformt. Aus der klassischen Plauener Spitze wird ein High-Tech-Produkt, das neben seiner textilen Verwendung in der Architektur beispielsweise auch die statischen und dynamischen Eigenschaften von gegossenen Materialien (z. B. Aluminiumbauteile) wesentlich verbessern kann. Materialeinsparungen und Gewichtsreduzierung sind die Folge. Die Gerber Spitzen & Stickereien GmbH, Rebesgrün (D), konnte zur Heimtextilmesse 2010 in Frankfurt am Main damit den Innovationspreis für Architektur Textil gewinnen. Die Firma hatte sich mit ihrem Programm „3D-Stickerei für textile Flächen” mit dem in mehrjähriger Entwicklungsarbeit entstandenen Produkt „highStick-Futura” am Wettbewerb beteiligt. Der dreidimensional ausgearbeitete Artikel – eine Entwicklung von Gerber unter Mitwirkung des TITV Greiz und der Plauener Textilveredelung Schneider – überzeugte als gelungene Neuinterpretation von Plauener Spitze. Bereits im Jahre 1906 gründete Richard Gerber in Rebesgrün, im Vogtland, einen kleinen Stickereibetrieb. Die Firma überlebte den 2. Weltkrieg, wurde 1972 verstaatlicht und konnte 1991 durch Helmut und Ulrich Gerber, dem Enkel und Urenkel des Gründers, reprivatisiert werden.
Zukunftsideen in Stick
Die Erhöhung der Tragwerkssicherheit von Bauwerken durch textile Sensoren, die Herstellung von neuartigen Flächenheizungen für Gebäude sowie von medizinischen Kühlmanschetten, gestickte Ausrüstungen für Druck- und Abwasserleitungen, die Verbesserung der Funktionsweise von orthopädischen Hilfsmitteln, das Hohlkörpergießen von Maschinenbauteilen, Roboter-Steuerungen im Maschinen- und Fahrzeugbau sowie die Veredlung von Stickmaterialien für technische Zwecke gehören zu den Themen vom branchenübergreifenden Bündnis highStick. Genutzt wird hier der Hauptvorteil des Stickens, der in der freien und sehr genauen Positionierung von Fäden zur Erzeugung textiler Gebilde besteht. So fanden Chemnitzer Forscher eine einfache und kostengünstige Lösung, um die Sensorik für Steuersysteme, z. B. für die Steuerung für einen Mehrachs-Roboter, direkt in die Grundmaterialien einzubringen – und entwickelten den in Leichtbauverbundstrukturen integrierten Sticksensor weiter. In die als Verstärkungsmaterial verwendeten Textilien (Vliese, Gewebe aus Glasfasern oder andere innovative Faserverbundwerkstoffe) sticken die Wissenschaftler einen Draht ein, der als Sensor dient. Die in der Modespitze GmbH, Plauen (D), gestickten Sensoren liefern mit ihrem speziellen Dehnungsverhalten die für Steuerungszwecke des Roboters erforderlichen Signale. Die Tisora Sondermaschinenbau GmbH, Chemnitz (D), hat die Sticktechnik entsprechend angepasst. Die Dresden Elektronik Ingenieurtechnik GmbH entwickelte die Technologie zur Auswertung der Sensordaten. Die Experten sind sich einig, dass diese neuartige Technologie in absehbarer Zukunft die Produktion jeglicher Steuerungstechnik im Maschinen-, Fahrzeug-, Schiffs- und Flugzeugbau revolutionieren wird. Auch für Hohlgussteile in Maschinen und Antrieben lässt sich mit der Kombination der Fertigungstechniken Sticken und Gießen künftig die Masse um bis zu 30 Prozent reduzieren. Zudem können derartige Bauteile vergleichsweise größere Kräfte aufnehmen. Die Nutzung der Sticktechnik für Flächenheizsysteme in Altbausanierung und Wohnungsneubau, d. h. das Versticken von groben schlauchförmigen Materialien auf neuen Stickgründen, erforschten die Produktions- und Handels- GmbH Stickperle, Falkenstein (D), und die KSA GmbH & Co. KG, Altenburg (D), gemeinsam mit dem STFI in Chemnitz. Erste Gebrauchsmuster und eine Laboranlage entstanden. Mit dem neuen Verfahren verringern sich die Montagezeiten auf der Baustelle um zirka 50 % durch die mögliche Vorfertigung der Heizmatten. Verschiedene Verlegebilder sind möglich. Zudem ist nur noch eine Aufbauhöhe des Fußbodens von 15 mm notwendig, was sich in extrem kurzen Heizungsreaktionszeiten bei geringen Vorlauftemperaturen auswirkt und eine Heizkostenersparnis bringt.
www.stickerei-reuter.de
www.gerber-spitzen.de
www.highstick.de
