

Ist „Bt” im Aufwind?
Für den Göttinger Agrarökonomen Professor Dr. Matin Qaim sprechen viele Gründe für gentechnisch veränderte Baumwollsaaten. Im Interview mit textile network beschreibt er den wichtigsten Vorteil: Bekämpfung der Armut.
tn: Herr Professor Qaim, Sie haben in Ihrer Forschungsarbeit nachgewiesen, dass der Anbau von so genannter Bt-Baumwolle die Armut in Indien verringern kann. Warum?
Qaim: Bt-Baumwolle enthält ein spezielles Gen des Bakterium Bacillus thuringiensis (Bt). Diese Bakterie produziert ein Gift gegen die in Indien häufig vorkommende und verheerende Schäden anrichtende Baumwollkapselraupe. Für den Menschen ist es jedoch unschädlich.
Unsere mehrjährigen Studien in Indien haben gezeigt, dass beim Anbau von Bt-Baumwollpflanzen etwa ein Drittel höhere Ernten eingefahren werden. Gleichzeitig kann der Einsatz von teuren Pestiziden im Durchschnitt um 41 Prozent verringert werden. Für die vielen kleinbäuerlichen Armutshaushalte bedeutet das einen Mehrgewinn von 135 Dollar pro Hektar.
tn: Wie sieht der Vergleich von Bt- mit Öko-Baumwolle aus?
Qaim: An manchen Standorten Indiens kann der Anbau von Öko-Baumwolle durchaus lukrativ sein, wenn dafür höhere Preise gezahlt werden. Insbesondere in Regionen mit hohen Schädlingspopulationen ist es allerdings schwierig, mit Öko-Baumwolle akzeptable Erträge zu erzielen. Eine Verwendung von Bt-Baumwolle würde in diesen Gegenden ökologische und ökonomische Vorteile bringen.
tn: Sprechen weitere Gründe für die Bt-Technologie?
Qaim: In Indien werden gentechnisch veränderte Baumwollpflanzen seit ihrer Kommerzialisierung im Jahr 2002 inzwischen von mehr als fünf Millionen Kleinbauern angebaut. Das sind 90 Prozent! Die schnelle Verbreitung liegt auch daran, dass die Technologie einfach anzuwenden ist. Im Gegensatz dazu sind für den erfolgreichen ökologischen Landbau spezielle Kenntnisse erforderlich, die sich im Kleinbauernsektor weniger einfach verbreiten.
tn: Hat der ökologische Baumwoll-Anbau in Indien mit herkömmlichen Saaten eine Chance?
Qaim: Bedingt – und unter zwei Voraussetzungen. Zum einen ist der ökologische Landbau wissensintensiv und muss auf den jeweiligen Standort spezifisch angepasst werden. Das verlangt Know-how. Dieses muss sowohl an die Saathändler als auch an die Bauern transferiert werden, was bessere Beratungsdienste erfordert. Zum anderen muss eine gute Anbindung an internationale Märkte gewährleistet sein, wo für Biobaumwolle höhere Preise gezahlt werden. Nur auf diese Weise kann den niedrigeren Erträgen von Öko-Baumwolle Rechnung getragen werden.
tn: Herr Prof. Dr. Qaim, wir danken für das Gespräch.
Das Interview führte Sabine Anton-Katzenbach
Bio-Baumwolle oder Biotech?
Anfang des Jahres meldete die Online-Ausgabe der Financial Times Deutschland, dass die aus Indien stammenden und als Bio-Baumwolle deklarierten Fasern in Wirklichkeit aus gentechnisch veränderten Pflanzen gewonnen wurden. Damit widersprachen sie den strengen Ökostandards, die für den Anbau gelten und mit denen Unternehmen wie H&M, C&A und Tchibo für ihre Textilien werben. Seitdem wird über den Sinn und Unsinn der Festschreibung herkömmlicher Baumwollsaaten für die Gewinnung kontrolliert biologisch angebauter Baumwolle (kba) diskutiert. Fürsprecher für die Verwendung gentechnisch modifizierter Pflanzen bei Bio-Baumwolle bekommen durch die neue Studie des Agrarökonomen Professor Dr. Matin Qaim von der Georg-August-Universität Göttingen neue Argumente. Er hat nachgewiesen, dass gentechnisch veränderte Baumwolle neben ökologischen insbesondere ökonomische Vorteile für die vielen indischen Kleinbauern bedeutet.
