

Den Startpunkt setzen
Unternehmen der Textil- und Bekleidungsindustrie unterliegen heute mehr denn je dem Wettbewerbsdruck. Dieser Umstand wird durch die räumliche, zeitliche und organisatorische Trennung von Arbeitsschritten entlang der Wertschöpfungskette verstärkt. von Jan Jessen, assyst GmbH
Die zunehmende Globalisierung stellt die Strukturen in den Entwicklungsabteilungen, in der Produktion sowie in Vermarktung und Vertrieb vor neue Herausforderungen. In immer kürzeren Zeiten müssen immer mehr Kollektionen entwickelt und in den Markt gebracht werden; bei einigen großen Unternehmen bis zu zwölf Mal im Jahr. Zusätzlich steigen die Anforderungen an die Produktentwicklung durch die zunehmende globale Ausrichtung der Unternehmen in der Vermarktung. Kaum ein Unternehmen produziert nur noch für den heimischen Markt; die Erschließung europäischer und internationaler Märkte sind primäre Ziele der Vertriebsabteilungen.
Erfolgreich sind die Unternehmen, die ihre Prozesse effizient managen, um immer schneller und kostengünstiger Waren zu beschaffen und an den Kunden zu bringen. [1] PLM bietet als durchgängiges, Lebenszyklus-übergreifendes Managementkonzept einen integrativen Lösungsansatz, der Unternehmen der Bekleidungsindustrie beim erfolgreichen Bewältigen des Strukturwandels hilft. Unterstützung erfährt das PLM im Bereich der Produktentwicklung durch ein Product Data Management (PDM) System. Auf Unternehmensebene sind an dem Gesamtbauwerk PLM viele Disziplinen und Bereiche beteiligt und müssen in die Umsetzung mit involviert werden. [2] Um den Erfolg eines Projektes zur Umsetzung des PLM Konzeptes in einem Unternehmen sicher zu stellen, müssen die betroffenen Prozesse identifiziert, analysiert und gegebenenfalls angepasst werden. Der vergleichsweise geringe Stellenwert, den Unternehmen offenbar der Optimierung von Prozessen (50 %) beimessen, lässt vermuten, dass hier noch große Wissens- und Wahrnehmungsdefizite [3] vorherrschen. Ohne den Schritt der PLM-Prozessdefinition besteht die Gefahr, dass die Nutzenpotenziale, die sich in allen Bereichen entlang der Lebenszyklus-übergreifenden Prozesse wieder finden, nicht realisiert werden. Aber erst die Unterstützung bereichs- und teilweise auch unternehmensübergreifender PLM-Prozesse führt zu dem übergeordneten Ziel der Steigerung der Innovationsproduktivität und ermöglicht die erfolgreiche Nutzung von PLM-Funktionen.
Referenzprozesse als Best-Practice-Lösungen
Referenzprozesse können dabei als Startpunkt zur PLM-Implementierung dienen, indem sie als erprobte Best-Practice-Lösungen fungieren [4]. Die Eignung eines Referenzprozesses für ein Unternehmen ist abhängig von diversen Unternehmenscharakteristika, wie beispielsweise der Produktkomplexität oder der Auftragsgebundenheit der Leistungserstellung. Diese Charakteristika können bereits bei der Betrachtung der Unternehmen einzelner Marktsegmente grundlegende Unterschiede aufweisen. Um diese Unterschiede auffangen zu können, wurden in einzelnen Branchen bereits branchenspezifische Referenzprozesse aufgestellt und haben sich teilweise als ein Standard etablieren können.
Beispielsweise stellt die „enhanced Telecom Operations Map” (eTOM) ein Rahmenwerk für die Geschäftsprozesse von Unternehmen im Bereich der Telekommunikation dar. Für den Betrieb einer IT-Infrastruktur stellt die „IT Infrastructure Library” (ITIL) ein Regel- und Definitionswerk dar, in dem Prozesse, Aufbauorganisation und Werkzeuge beschrieben werden.
Die Textil- und Bekleidungsindustrie verfügt derzeit nicht über allgemein anerkannte und verbreitete Referenzprozesse für das PLM, so dass jedes Unternehmen bei der Einführung eines Product Lifecycle Managements, die dafür notwendigen Grundlagen selbst neu erarbeiten muss. Indem nun systemunabhängige Referenzprozesse für das PLM in der Bekleidungsindustrie entwickelt werden, schafft das hier beschriebene Projekt die Voraussetzungen für die Entwicklung einer durchgängigen Methodik zur Auswahl und Einführung eines Informationssystems zur Unterstützung des Produktlebenszyklus speziell für Unternehmen der Bekleidungsindustrie. Da eine neue Methodik in der industriellen Praxis nur dann erfolgreich umgesetzt werden kann, wenn sie durch entsprechende Hilfsmittel unterstützt wird, sind weitere bedeutende Ziele des Projektes die Entwicklung eines PDM-Maturity Assessments (Serie Teil 2) und einer PDM-Feasibility Study (Serie Teil 3).
Ziel des PDM Maturity Assessment (PMA) soll es sein, dass ein Unternehmen der Bekleidungsindustrie individuell unter Berücksichtigung der Unternehmenscharakteristika den eigenen PLM-Reifegrad bewerten, Nutzenpotentiale aufzuzeigen und notwendige Voraussetzungen für eine PDM-Einführung prüfen kann. Das Ziel der PDM-Feasibility Study ist es, die notwendigen Voraussetzungen für die unternehmensspezifische Einführung eines PDM-Systems zu schaffen.
Ausgangspunkt für die PDM-Feasibility Study ist der PDM Readiness Report (PRR). Der PDM Readiness Report fasst die Ergebnise aus dem PDM-Maturity Assessment zusammen. Er gibt einen allgemeinen Hinweis darüber, ob und in welchem Umfang Handlungsbedarf hinsichtlich einer PDM-Einführung besteht. Eine unternehmensindividuelle Interpretation der Analyseergebnisse ist mit einem solchen Instrumentarium nicht möglich. Diese Lücke wird mit Beratungsangebot PDM-Feasibility Study geschlossen.
Wurde die PDM Readiness nicht erreicht, dann ist das Unternehmen gut beraten, durch ein der PDM-Einführung vorangestelltem Projekt, die organisatorischen und prozessualen Voraussetzungen für die Einführung eines PDM-Systems schaffen zu lassen. Wurde hingegen die PDM Readiness erreicht, dann gilt es im Rahmen der PDM-Feasibility Study, den Funktionsumfang des zukünftigen PDM-Systems und die Implementierungsreihenfolge festzulegen. Hierfür wird eine Product-Function-Matrix genutzt.
In der Process-Function-Matrix werden die Funktionalitäten des PDM-Systems den Vorgängen und Prozessen der systemunabhängigen Referenzprozesse für das PLM in der Bekleidungsindustrie gegenübergestellt (gemappt). Mit dem Mapping wird aufgezeigt, welche Vorgänge und Prozesse durch welche Funktionen unterstützt werden.
Aus der Process-Function-Matrix und der Betrachtung der Nutzenpotenziale aus dem PDM Maturity Assessment, lässt sich der für das Unternehmen benötigte Funktionsumfang und deren Implementierungsreihenfolge ableiten.
Forschungsprojekt setzt neue Maßstäbe
In einem gemeinsamen Forschungsprojekt entwickeln die assyst GmbH und das WZL der RWTH Aachen derzeit systemunabhängige Referenzprozesse für das PLM in der Bekleidungsindustrie. Begleitend dazu berichtet Jan Jessen, assyst, in textile network zum Projektfortschritt. In dieser Ausgabe beschreibt er, worin das Ziel des gemeinschaftlichen Forschungsvorhabens besteht. In Ausgabe 9/10 dann genauer das „PDM-Maturity Assessment” und in Ausgabe 11/12 die „PDM-Feasibility Study”.
1 Improvisation ist nicht gefragt; Margot Schubert; textile network; Meisenbach Verlag; Ausgabe 7-8/2006
2 PLM und der Turmbau zu Babel, HMD – Praxis der Wissenschaft, Heft 249
3 eCommerce in der Textilwirtschaft – Chancen und Herausforderungen; Dr. Rainer Graf, André Claassen, Christiane Girmann; KPMG Consulting AG; 2001
4 Schuh, Rozenfeld, Assmus, Zancul 2007
Das WZL der RWTH Aachen
Das Werkzeugmaschinenlabor WZL der RWTH Aachen steht seit Jahrzehnten weltweit als Synonym für erfolgreiche und zukunftsweisende Forschung und Innovation auf dem Gebiet der Produktionstechnik. Die Abteilung Innovationsmanagement des WZL entwickelt Konzepte, Prozesse und Methoden für das Innovations- und Entwicklungsmanagement produzierender Unternehmen verschiedener Branchen.
So wurden beispielsweise in dem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekt „Entwicklung systemunabhängiger Referenzprozesse” allgemeingültige Prozessbeschreibungen für das Product Lifecycle Management (PLM) entwickelt.
Im Rahmen dieses Projekts ist ein Leitfaden entstanden, der kleinen und mittleren Unternehmen eine Handlungsanleitung für die Einführung und Umsetzung von Referenzprozessen für das PLM zur Verfügung stellt. Nähere Informationen hierzu können unter www.plm-info.de eingesehen werden.
Die assyst GmbH
Als deutscher Marktführer bietet assyst integrierte CAD- und PLM-Lösungen für die Fashion- und Interiors-Industrie.
assyst verfügt über eine hochentwickelte Expertise für die Fashion- und Interiors-Industrie. In diesen Märkten wird eine große Produktvielfalt mit enormer Variantenzahl entwickelt und verwaltet. Zudem ist der Entwicklungsprozess in diesen Branchen von einem hohen Grad an Iteration und Kollaboration – häufig international – geprägt. Als Branchenspezialist bietet assyst die erforderliche Genauigkeit von Entwürfen und Schnitten, automatisiert Routineaufgaben und ermöglicht einen durchgängigen Datenfluss entlang der gesamten Prozesskette. Damit steigt die Leistungsfähigkeit in Produktentwicklung und Produktionsvorbereitung.
